100% Menschenwürde – Zusammen gegen Rassismus

100% Menschenwürde – Zusammen gegen Rassismus

Weil Rassismus keinen Platz in unserer Gesellschaft haben sollte, gibt es vom 13. –  26. März auch in ganz Deutschland viele Aktionen und Veranstaltungen bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus. In Freiburg zum Beispiel kann man in diesen zwei Wochen von der Vernissage „Blackbox Abschiebungen“ über einen Workshop zu Hatespeech oder einer interreligiösen Stadtrallye bis zu einem Kinoabend mit dem Film „Ladder to Damascus“ bei tollen Aktionen mitmachen. In Stuttgart wiederum stehen die Wochen unter dem Thema „Heimat“, es gibt Argumentationstrainings, einen Fachtag, Ausstellungen und vieles mehr. Hier auf Taten wirken! findet ihr übrigens auch schon Aktionen gegen Hatespeech und für Toleranz.

Aber warum gibt es eigentlich die Internationalen Wochen gegen Rassismus?

Das Sharpeville-Massaker

21. März 1960: In Südafrika herrscht die Apartheid, das weiße Regime hat neue Passgesetze verabschiedet – die schwarze Bevölkerung soll möglichst in den für sie vorgesehenen Homelands bleiben, aber weiterhin arbeiten. Um sich gegen die immer stärker werdende Diskriminierung zu wehren, ruft der Pan African Congress (PAC) zu gewaltfreien Demonstrationen auf. 5.000-7.000 Menschen protestieren friedlich vor einer Polizeistation in Sharpeville. Ein Steinwurf lässt die Situation eskalieren, Polizisten schießen mit Maschinengewehren in die Menge. Dabei werden 69 Menschen getötet, darunter zehn Kinder und mindestens 180 Menschen teils schwer verletzt.

Die Apartheid in Südafrika wird 1994 mit Nelson Mandela endlich abgeschafft und die neue Verfassung ist sehr freiheitlich. Aber Rassismus begegnet man auch 23 Jahre später leider immer noch: Wenn die schwarze Haushälterin mit drei Personen in einem Raum in der Garage lebt oder wenn das schwarze Kindermädchen immer einige Schritte hinter der weißen Familie hergeht.

Rassismus fängt im Kopf an

Vorurteile und Diskriminierung gibt es aber nicht nur in Südafrika. Eigentlich überall, wo verschiedene Kulturen aufeinander treffen, findet man Stereotype und Ausgrenzung.  Denn Rassismus ist nicht nur individuell, sondern eine soziale Praxis. Die Konstruktion von einheitlichen Gruppen, denen bestimmte Merkmale und Eigenschaften zugeschrieben werden und sie abwertet, verleiht anderen Macht. Rassismus wird so zu einer einfachen Methode, Privilegien zu festigen und die eigene Gruppe aufzuwerten.

Leider ist auch Deutschland nicht frei von Rassismus. Im Gegenteil: Seit so viele Geflüchtete zu uns kommen, steigt die Ablehnung gegenüber Menschen anderer Kulturen, Religionen, Hautfarben. In einer aktuellen Studie der Uni Leipzig zeigt sich, dass sich beispielsweise jede*r Zweite „wie ein Fremder im eigenen Land“ fühlt oder 40% Muslim*innen die Zuwanderung untersagen möchte. Das sind erschreckende Zahlen, die bedeuten, dass Rassismus in einem großen Teil unserer Gesellschaft verbreitet ist. So werden viele Menschen in ihrer Würde verletzt, und das nur weil sie anders aussehen oder etwas anderes glauben als die Mehrheit der Bevölkerung.

Um das nicht zu vergessen erklärten  die Vereinten Nationen 1966 den 21. März zum Gedenktag an das Sharpeville-Massaker, der seither der Internationale Tag gegen Rassismus ist. Später wurde der Tag durch die internationalen Aktionswochen ergänzt.

Also schaut doch mal, was es in eurer Stadt gibt und macht mit bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus!

Weil Vielfalt bereichert und Toleranz zu einem guten Miteinander dazugehört – 100% Menschenwürde!

Heimat ist… #Bodensee und Familie

Heimat ist… #Bodensee und Familie

Ausgerüstet mit einer Kamera und einigen Interviewfragen machen Bastian und ich uns auf den Weg nach Mannheim. Denn wir haben eine Mission: Wir sollen Gedanken verschiedener Menschen zum Thema Heimat einfangen. Für die Kampagne des Caritas-Verbandes sind bereits Videos gedreht worden, die auf der Seite von „Zusammen sind wir Heimat“ zu sehen sind.

Ein passender Zufall: Mannheim ist die Stadt, in der ich geboren wurde. Allerdings fühlt es sich kein bisschen nach Heimat an. Dass dort wirklich nichts vertraut wirkt, merke ich spätestens, als wir ziellos durch die Stadt laufen auf der Suche nach dem richtigen  Quadrat…

Endlich schaffen wir es, sowohl die Straße als auch den richtigen Eingang zu finden. Dort treffen wir Franzi, die das youngcaritas-Büro in Mannheim leitet. Sie hat auch die Gesprächspartner*innen für die Videos gefunden und macht sogar selber mit. Mit einiger Mühe baut Bastian die Kamera in dem winzigen Büro auf, schon mit drei Leuten wird es ganz schön eng dort.

Franziska und Aaref

Das erste Gespräch führt Franzi mit Aaref, der seit einem Jahr in Deutschland lebt. Er kam als Flüchtling aus Syrien, seine Familie lebt immer noch dort in Aleppo. Noch bevor die Kamera überhaupt an ist, erzählt Aaref – von seinem Wunschstudium, von seiner Familie, von Aleppo. Er ist offen und interessiert sich für Vieles, es ist einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Ich bin überrascht zu hören, dass Aleppo anscheinend nicht vollständig zerstört ist. Immerhin ist es eine Stadt mit acht Millionen Einwohnern und man kann wohl in einigen Teilen noch recht normal leben. Wobei Aaref meint, statt Terror gäbe es dort eben die Mafia…

Die Kamera läuft und die Frage ist: Was bedeutet für euch Heimat? Franzi verbindet mit Heimat den Ort, an dem sie aufgewachsen ist, was ich gut nachvollziehen kann. Klar, die Familie spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber auch bestimmte Orte wecken Erinnerungen, vor allem an die Kindheit. Aaref dagegen nennt nach einem Jahr Mannheim seine Heimat. Das habe ich nicht erwartet, aber er sagt, hier hat er sein Umfeld und sieht eine Zukunftsperspektive. Ein bisschen wehmütig wirkt er, als er vom Jasminduft in Aleppo erzählt. Aber ich bin beeindruckt, dass er den mit der Flucht verbundenen Neuanfang in Deutschland so positiv wahrnimmt –  als Chance.

Wie der Tag weitergeht und was die beiden anderen Gesprächspartner über Heimat denken, erfahrt Ihr bald in einem neuen Beitrag.

 

 

Zeichen setzen für Europa

Zeichen setzen für Europa

Ich bin gegen Diskriminierung, gegen Rassismus, gegen Hass – ich weiß, was ich nicht will. Aber wofür bin ich eigentlich?

Viele Menschen sind verunsichert, aus unterschiedlichen Gründen. Manche wählen populistische Parteien aus Protest gegen die etablierten. Denn die Populisten sind präsent und laut. Sie bieten einfache Lösungen, weil dagegen sein einfach ist. In diesem lautstarken Protest und der eigenen Verunsicherung geht aber unter, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Gerade beim Gedanken an bevorstehende Wahlen ist es wichtig, nicht nur zu wissen, was man verhindern möchte, sondern auch, was man erreichen will.

Zum Glück gibt es nach wie vor viele Menschen, die an den europäischen Gedanken von Freiheit und Demokratie glauben. Weil diese Stimmen aber kaum gehört werden, gibt es Initiativen, die das ändern wollen. Denn dagegen sein trennt, dafür sein eint.

Pulse of Europe

Mit Demonstrationen will Pulse of Europe den europäischen Gedanken wieder sichtbar machen. Angesichts bevorstehender Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland finden deshalb jeden Sonntag um 14 Uhr in verschiedenen Städten Demos statt.

Auf Facebook bei #pulseofeurope heißt es: „ Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass es auch danach noch ein vereintes, demokratisches Europa gibt – ein Europa, in dem die Achtung der Menschwürde, die Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt selbstverständliche Grundlage des Gemeinwesens sind!

Überzeugte Europäer und Demokraten müssen jetzt positive Energie aussenden, die den aktuellen Tendenzen entgegenwirkt. Der europäische Pulsschlag soll allenthalben wieder spürbar werden!“

The Young European Collective

Dieser Gedanke eines vereinten Europas, das unsere Grundwerte schützt, ist ein hoffnungsvoller. Ich bin mit ihm aufgewachsen wie viele andere junge Menschen. Vielleicht scheint er vielen deshalb selbstverständlich. Dass er das aber nicht ist, wird momentan spürbar. Umso wichtiger ist es, dass wir aktiv für unsere Zukunft eintreten.

The Young European Collective möchte deshalb mit der Initiative „Who, if not us?“ die Stimme junger Europäer/innen stärken und so einen aktiven Beitrag zur Zukunft Europas leisten. Dazu hat das Autorenteam bereits einen Essayband veröffentlicht, in dem es anhand persönlicher Erfahrungen andere junge Menschen ermutigen will, für ein freies und demokratisches Europa einzustehen.

In ihrem Protestaufruf zeigt The Young European Collective ebenfalls Wege zur Gestaltung eines jungen Europas auf: Jugendprotest – Jetzt ist es an uns!

Mehr Informationen zu dem Kollektiv gibt es hier: Who, if not us?

Heimat ist… #Weihnachten und Kaffeebohnen

Heimat ist… #Weihnachten und Kaffeebohnen

Was ist eigentlich meine Heimat? Spontan würde ich sagen, Köln – dort bin ich aufgewachsen. Denke ich aber länger über die Frage nach, ist es gar nicht so einfach, eine Antwort zu finden: Momentan lebe ich in Freiburg, ist das nicht auch Heimat? Und was ist mit dem Ort, an dem ich geboren wurde?

Anscheinend ist die Heimat gar nicht so einfach zu definieren und für jeden anders. Was Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten zum Thema Heimat denken, ist deshalb das Thema einer Video-Reihe. Diese entsteht im Rahmen der diesjährigen Caritas-Kampagne „Zusammen sind wir Heimat“. Die verschiedenen Perspektiven ergeben ein  Mosaik – und vielleicht wird so das große Ganze ein bisschen klarer.

Ich konnte beim Dreh eines der ersten Videos dabei sein: Feven und Katarina, beides Kolleginnen, unterhielten sich über ihr Verständnis von Heimat. Anfangs wusste niemand genau, in welche Richtung sich das Gespräch entwickeln würde. Schnell zeigte sich aber, dass die beiden gar nicht so unterschiedliche Ansichten haben – und das trotz ihrer verschiedenen Hintergründe: Fevens Familie floh, als sie zwei Jahre alt war, aus Eritrea. Katarina dagegen kam als junge Erwachsene aus der Slowakei nach Deutschland. Beide fühlen sich aber vor allem bei ihrer Familie daheim und sind sich einig, dass man auch mehrere Orte Heimat nennen kann. Außerdem verbinden sie bestimmte Traditionen oder Gerüche mit einem Heimatgefühl, z.B. das Weihnachtsfest.

Ich war wirklich überrascht, dass sich diese Ansichten gar nicht so sehr von meinen eigenen unterscheiden – obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Auch für mich ist die Familie besonders wichtig und ich glaube, bestimmte Traditionen ebenso. Denn wenn ich an Karneval nach Köln fahre, bin ich zu Hause –  ganz im Sinne der Kölner Band Kasalla: „Home es, wo d’r Dom es“ („Home ist, wo der Dom ist“). Und schon ist der Begriff Heimat gar nicht mehr kompliziert, sondern ganz konkret.

 

Von Zaubertricks und Arbeit

Von Zaubertricks und Arbeit

Treffen von youngcaritas-Akteurinnen in Frankfurt

In den letzten Wochen haben wir hier an „Taten wirken!“ ganz schön viel rumgebastelt. Das Ziel: eine schöne neue Seite.
Das Problem: das geht leider nicht so einfach. Das bedeutet, wir haben viele Stunden damit verbracht, uns das Konzept zu überlegen, Titel zu kreieren, technische Schwierigkeiten zu umgehen, das Menü zu strukturieren und über WordPress zu schimpfen. Jetzt sind wir aber endlich soweit und können (schon ein bisschen stolz) die neue Seite präsentieren.

Warum das Ganze? Es gibt viele Aktionen für eine offene Gesellschaft, für ein besseres Miteinander und gegen Vorurteile. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Deshalb soll hier auf „Taten wirken!“ eine Plattform entstehen, auf der Projekte gesammelt werden – zum Mitmachen oder als Inspiration. Auch spannende Materialien und Aktionen von anderen sind hier zu finden. Einige Beiträge findet ihr hier schon, aber wir werden in nächster Zeit noch ein bisschen weiterbasteln, um die Seite zu optimieren.

Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht. Die letzte Woche war wirklich aufregend und interessant. Neben der „Taten wirken!“-Bastelarbeit war ich nämlich mit bei einem Treffen von youngcaritas-Akteuren in Frankfurt. Es ging um zukünftige Aktionen rund um das Thema Stammtischparolen und wie man damit umgeht.

Und wer bin eigentlich ich?

Anne Diessner – nachher
Anne Diessner – vorher

Simsalabim! Schwuppdiwupp wird aus der Honorarkraft die neue Praktikantin! 😀

Seit Oktober 2016 war ich dafür zuständig, Beiträge auf die Homepage von youngcaritas zu stellen. Jetzt habe ich die Möglichkeit für sechs Wochen bei youngcaritas Deutschland ein Praktikum zu machen und einen tieferen Einblick zu bekommen.

Und jetzt hab ich mehr zu tun 😉

Ich freue mich sehr auf die nächsten Wochen!

Bis bald, eure Anne

Wo ist Osman?

Wo ist Osman?

Samstag, 24.09.2016

Was ist jetzt mit der offenen Gesellschaft? Was macht man bei einem BarCamp? Und wo ist eigentlich Osman?

Der Samstag beginnt mit der Begrüßung durch Doris und Johannes. Von den beiden habe ich euch ja bereits in meinem Beitrag zur Vorbesprechung von we.confer erzählt. Doris Wietfeldt ist interkulturelle Prozessbegleiterin, Johannes Tolk Experience Designer und die beiden haben mit uns den Samstag des we.confer gestaltet.

Viele fragten sich im Vorhinein, was denn eigentlich ein BarCamp ist. Das we.confer war kein Barcamp im klassischen Sinne, sondern Doris und Johannes haben sich im Vorhinein Gedanken gemacht und hatten sich ein Konzept und Programm für uns überlegt. Dieses war allerdings inhaltlich relativ offen. Das heißt, die beiden haben sich an dem, was konkret passiert (und am Freitagabend bereits passiert ist), orientiert, mit uns gemeinsam die Inhalte entwickelt und Anstöße gegeben.

Konkret sah das dann so aus: Wir kamen am Samstag zur Forum Factory, wo Doris und Johannes bereits etwas für uns aufgebaut hatten. Aus den am Abend zuvor als Sitzmöbel gebrauchten Holzbänken waren nun zwei verschiedene Sitzgruppen entstanden. Die eine Sitzgruppe war auf der Bühne aufgebaut. Dort standen mehrere Bänke in einem engen Kreis. In der Mitte befand sich ein Tisch mit einem Schokoladenbrunnen. Die zweite Sitzgruppe befand sich in der Mitte des Raumes. Dort waren je zwei mal drei Bänke übereinander montiert. Diese standen sich sehr eng gegenüber. Am besten ihr seht selbst:

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"
Doris begrüßt uns am Samstagmorgen
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Die beiden Sitzgruppen im Raum der Forum Factory

Die erste Aufgabe

Unsere erste Aufgabe an diesem Samstagmorgen war, dass wir uns auf diese Sitzgruppen verteilen sollten. Jeder dahin, wo es ihn hinzog. Ich entschied mich für die Gruppe mit den übereinander montierten Bänken, das fand ich irgendwie spannend. Als sich alle verteilt hatten und wir in den Gruppen zusammensaßen, sollten wir uns kennenlernen und darüber unterhalten was für uns persönlich „offene Gesellschaft“ bedeutet. Allein das hätten wir stundenlang machen können, hatte ich das Gefühl.

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

 

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"     youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

Doris, die das Ganze moderiert hat, musste uns regelrecht unterbrechen. Doch das war auch gut, fand ich, denn wir waren ja alle gespannt, wie es weitergeht.

Doris stand in der Mitte der beiden Sitzgruppen und hielt Briefumschläge in ihren Händen, auf denen zu lesen war: „Wo ist Osman?“

 

„Wo ist Osman?“

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

Doris erklärte uns, dass wir nun aus den bestehenden zwei Gruppen insgesamt vier Gruppen bilden sollten. In den Umschlägen befanden sich 10€, die wir als „Türöffner“ benutzen konnten. „Wo ist Osman?“ bildete den Aufhänger für die anschließende Aufgabe. Besagter Osman war tatsächlich am Freitagabend auf unserer Veranstaltung. Er kommt ursprünglich aus der Türkei, lebt aber schon länger in Berlin und kam am Freitag spontan zu uns, ging aber nach kurzer Zeit schon wieder und es war nicht ganz klar, warum er gegangen ist. Hat er nichts verstanden? Hat es ihn nicht interessiert? Hätte es geholfen, wenn wir ihm mehr erklärt hätten? Bei einigen hinterließ dies ein etwas bedrückendes Gefühl.

Dies nahmen nun Doris und Johannes als Aufhänger. Wir sollten uns mit dem Umschlag auf die Suche nach Osman machen. Zumindest symbolisch. Aber vielleicht begegneten wir ihm auch wirklich. Die Aufgabe war jedenfalls zum Mehringplatz zu gehen und rund um diesen Platz an den Türen zu klingeln und zu versuchen, mit den Leuten, die dort leben, ins Gespräch über „Offene Gesellschaft“ zu kommen.

Die Gruppen ziehen los

Die Gruppen waren schnell gebildet und zogen los. Meine Gruppe entschied sich dafür direkt an der nächst besten Tür auf dem Mehringplatz zu klingeln und gar nicht erst in einen Laden zu gehen, um mit den 10€ Gastgeschenke zu kaufen. Unser Plan war ganz offen zu kommunizieren, dass wir gerade bei einem Workshop mitmachen zum Thema „Offene Gesellschaft“ und uns dazu gerne Meinungen verschiedener Leute einholen möchten.

Ehrlich gesagt, war mir am Anfang schon etwas mulmig zumute. Ich dachte daran, wie ich selbst wohl reagieren würde, wenn wildfremde Menschen bei mir klingeln und mit mir über „Offene Gesellschaft“ sprechen wollen. Das käme mir schon sehr eigenartig vor und ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte. Daher war meine Erwartung auch, dass vermutlich 8 von 10 Leuten uns abweisen würden. Umso überraschter war ich, dass direkt unser erster Klingelversuch sich als Volltreffer erwies. Ein etwa 50jähriger Mann öffnete uns die Tür. Er erzählte uns, dass er vor etwa 26 Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen war. Er ist Architekt und arbeitet in seinem Stadtteil in Berlin in einem Verein mit, der neu ankommenden Familien hilft, sich besser in Deutschland zu integrieren. Es wirkte, als würde er sich geradezu freuen, dass wir mit ihm über dieses Thema sprechen wollen.

Er erzählte uns, wie wichtig er es findet, beispielsweise die Sprache des Landes zu lernen, in dem man lebt. Er selbst spricht 5 verschiedene Sprachen und jede Fremdsprache klang anfangs komisch für ihn. Dieses Gefühl bestehe aber nur so lange, wie man eine Sprache nicht selbst sprechen kann. Sobald du selbst ein paar Wörter einer Sprache sprichst, ist sie dir nicht mehr so fremd. Außerdem betonte er den Wert von Kontakten. Sobald man Anschluss findet in einer neuen Umgebung, wird sie zu etwas eigenem, zu einer Umgebung, in der man nicht mehr nur Gast ist.

Und was mir auch im Kopf blieb, war, dass er sagte, dass er wahrnimmt, dass es eine große Mehrheit an Menschen in Deutschland gibt, die sehr offen und tolerant sind und positiv über die kulturelle Vielfalt denken, dass diese Mehrheit aber oft schweigt. Und in den Medien wird die Meinung der Minderheiten breitgetreten. Ist was dran, dachte ich.

Als wir weiterzogen und an den nächsten Türen klingelten, hatten wir erstmal kein solches Glück mehr. Ein paar Mal wurden wir abgelehnt, ein paar Mal trafen wir auf Kinder, ein paar Mal machte einfach niemand auf. Auf dem Weg sprachen wir einen Obdachlosen an und fragten ihn nach seiner Meinung. Er wollte aber auch nicht wirklich mit uns sprechen und meinte nur, dass er da der falsche Ansprechpartner ist, da er sich bewusst aus der Gesellschaft heraushält.

In einem Hausflur begegneten wir dann unserem nächsten Gesprächspartner, der bereit war, sich ein bisschen mit uns zu unterhalten. Es war ein Mann, ungefähr Mitte 60. Er ist Berliner und lebte ehemals in der DDR. Bei ihm wurde im Gespräch ganz deutlich, dass er sich in seiner Umgebung mehr Sicherheit und die Einhaltung von Regeln wünscht. Er betonte mehrfach, wie sicher er und seine Frau sich damals in der DDR noch fühlten und wie sauber es beispielsweise war. Auf dem Platz vor seinem Haus wird heutzutage z.B. trotz Grillverbot ein ganzes Lamm am Spieß gegrillt. Außerdem lässt angeblich jeder seinen Müll überall herumliegen und von Mülltrennung kann erst gar nicht die Rede sein.

Dafür schätzt er immerhin den Kontakt zu seinen direkten Nachbarn. Unter ihnen sind Österreicher, Kroaten und Polen. Also auch ziemlich „multi-kulti“, denke ich. Mir kommt es so vor, als hätte dieser Mann nicht generell etwas gegen Fremde oder Ausländer, es stört ihn einfach, wenn sich Leute nicht an Regeln halten.

Als wir weitergehen, sehen wir zwei junge Frauen mit einem Kind über den Platz gehen, die – ähnlich wie wir – die Leute ansprechen bzw. auch bei Leuten klingeln. In unserer Gruppe fällt ein paar mal die Vermutung, es könne sich um Zeugen Jehovas handeln. Wir beschließen, auch sie anzusprechen. Und tatsächlich, es sind Zeugen Jehovas. Ihr Statement ist, dass sie es natürlich wunderbar finden, dass die Gesellschaft in Deutschland so offen ist, dass beispielsweise jeder die Religion ausüben kann, die er bevorzugt und sie nicht ausgeschlossen werden.

Bereits auf dem Weg zurück zur Forum Factory kommen wir schließlich noch an einem Straßenfest vorbei. Wir lesen auf einem Schild „Tag der Gehörlosen“ und denken das ist ja ideal, da fragen wir doch glatt auch noch jemanden nach seiner Meinung zum Thema „Offene Gesellschaft“. An einem Stand, an dem Jugendprojekte vorgestellt werden, ist ein junges Mädchen bereit, kurz mit uns zu sprechen. Ihr Statement zum Thema „Offene Gesellschaft“ ist: Jeder soll am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – egal ob er eine Behinderung hat oder nicht. Im Gespräch kommen wir darauf, dass es eigentlich gut wäre, wenn beispielsweise viel öfter Kurse für Gebärdensprache angeboten würden, da Übersetzer extrem gefragt sind. Auch das gehört auf jeden Fall zum Thema „offene Gesellschaft“, wie ich finde.

Ich bin überrascht wie vielfältig die Leute und Meinungen waren, die ich mit meiner Gruppe einholen konnte und bin sicher, dass es den anderen Gruppen vermutlich genauso ging.

„Just do it“

Als wir zurückkommen zur Forum Factory, geht es wild durcheinander und jeder möchte den anderen etwas von den eigenen Erlebnissen erzählen und umgekehrt. Wir setzen uns draußen auf ein großes Podest, in das sich die Holzbänke in der Zwischenzeit verwandelt haben. Es besteht die Möglichkeit, kurz über das Erlebte zu berichten. Dann sagen Doris und Johannes, dass es nun darum gehen soll, vom Reden ins Handeln zu kommen, ganz nach dem Motto „Just do it! – Einfach machen!“ Wir haben 30min Zeit nochmal in unseren Gruppen zu überlegen, was sich nun aus dem, was wir gehört und erlebt haben, ergeben könnte, was eine Aktion sein könnte, die man hier und jetzt sofort machen könnte. Danach sollten wir 15min irgendwohin laufen oder etwas besorgen, das wir für die Aktion brauchen und innerhalb von 5min sollten wir die Aktion dann schließlich tun.

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In meiner Gruppe fällt uns spontan der ehemalige DDR-Bewohner wieder ein, der sich so an dem Müll auf dem schönen Platz vor seinem Haus gestört hat und wir dachten: Warum machen wir nicht ihm und den Menschen dort eine kleine Freude und räumen den Müll weg? Das ist leicht umzusetzen und hat einen tatsächlichen Effekt für die Bewohner. Gesagt, getan sind wir los, haben Einweghandschuhe und Müllbeutel besorgt, sind zu dem Platz und haben den Müll aufgesammelt. Eine andere Gruppe fand diese Aktion so gut, dass sie sich mit angeschlossen haben. Diese Gruppe überredete dann sogar noch eine Gruppe kleiner Mädchen, die auf dem Platz spielten, uns beim Müllsammeln zu helfen. Insgesamt waren wir dann etwa 10-15 Leute, die innerhalb kürzester Zeit den Platz vom gröbsten Müll befreiten.

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Mit vollen Müllsäcken sind wir schließlich nochmal bei dem Anwohner, mit dem wir uns zuvor unterhalten hatten, vorbeigegangen und fragten ihn, ob wir die Säcke in deren Müllhäuschen entsorgen dürfen. Er war völlig überrascht von unserer Aktion und hat sich total gefreut.

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Zurück an der Forum Factory unterhielten wir uns schließlich nochmal in großer Runde über unsere Aktionen und was wir jetzt zum Thema „Offene Gesellschaft“ denken. An einem Punkt hakte Doris dann ein und meinte, sie habe den Eindruck, dass wir gerade nicht weiterkommen und dass es in einer solchen Lage oft gut ist, sich Hilfe zu holen. Ihre Idee war dann, dass diejenigen, die Lust haben, nochmal losziehen und fremde Personen auf der Straße ansprechen und sie zu uns einladen, um dann eventuell gemeinsam in unserer Sache voranzukommen.

Schließlich hatten wir wirklich zwei Gäste. Es waren zwei Mädels aus Schottland. Auch mit ihnen tauschten sich dann ein paar von uns aus. Als wir dann nochmal alle zusammensaßen, meinte Doris, dass sie sich beschämt fühlt, weil nicht alle in der Gruppe zusammengekommen seien, um die Gäste zu begrüßen und mit ihnen zu sprechen. Ist das ein Zeichen, dass unsere „Offene Gesellschaft“ schon im Kleinen gescheitert ist? Damit wurde uns auf jeden Fall ein Denkanstoß gegeben. Bei leckerem Essen und weiteren Gesprächen ließen wir den Abend und unser Barcamp dann gemütlich ausklingen.

Was hat mir das Ganze nun letztlich gebracht? Hat es was mit mir gemacht? Etwas in mir ausgelöst oder verändert?

Ja, hat es! Was die zwei Tage auf jeden Fall in mir bewirkt haben, ist, meinen Blick dafür zu öffnen, dass es extrem viele Perspektiven gibt. Und egal über welches Thema man spricht, jeder wird bedingt durch seine Herkunft, seine Art, seinen kulturellen Hintergrund, etc. eine andere Perspektive dazu einnehmen und eine andere Meinung vertreten. Die Realität ist vielschichtig, aber diese Vielschichtigkeit muss uns keine Angst machen. In ihr verbirgt sich ein großes Potenzial, das wir als Chance nutzen können.

Und hier schließt sich nun auch der Kreis zu all dem, was die Speaker bereits am Freitagabend gesagt haben. Alle drei haben von Ängsten gesprochen, die in der Gesellschaft existieren. Und alle drei sind sich einig, dass Kommunikation ein großer Schritt in die richtige Richtung ist, diese Ängste zu überwinden und die Diversität als etwas Positives zu erkennen. Und spätestens jetzt, nachdem ich mit Leuten ins Gespräch kam, mit denen ich sonst wahrscheinlich nicht zwangsläufig gesprochen hätte und vermutlich erst Recht nicht über ein so tiefgreifendes Thema wie das der „Offenen Gesellschaft“, weiß ich, wie sich dieser Schritt anfühlt und dass es gut ist, ihn zu gehen!

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Text: Eva Linz, Praktikantin bei youngcaritas Deutschland

Fotos: Walter Wetzler, Moritz Bross, Irene Bär.

Den Blog-Beitrag von Eva zum Freitagabend bei we.confer findest Du hier.

Was bedeutet Veränderung für dich?

Was bedeutet Veränderung für dich?

Freitag, 23.09.2016

Und die Frage aller Fragen:  Haben mich die Erfahrungen beim we.confer BarCamp irgendwie verändert?

Als am Freitag  we.confer startete, war ich voller Vorfreude und gespannter Erwartung. Auf die anderen Teilnehmer*innen, auf die Inputs der Speaker, auf die Gespräche und Diskussionen, auf den Workshop am Samstag sowieso. Ich erwartete Einiges. Und doch war mir nicht ganz klar, was genau. Ein konkretes Ergebnis? Eine Antwort auf die Frage „Wie erreichen wir eine offene Gesellschaft?“? Nein. Das schien mir von vornherein nicht möglich. Also gut. Was dann? Zumindest wollte ich mit einem „mehr“ nach Hause fahren… einem „mehr“ an Meinungen anderer Menschen zum Thema „offene Gesellschaft“, einem „mehr“ an Erfahrungen, einem „mehr“ an Ideen und vielleicht ein Stückchen mehr Offenheit?

Der Freitagabend konnte diese Erwartungen meinerseits auf jeden Fall schon ein Stück weit erfüllen. Der Abend begann mit einer kurzen Begrüßung und ein bisschen praktischer Raumsoziometrie von und mit Irene Bär (Leiterin youngcaritas Deutschland) zum ersten Kennenlernen der anderen Teilnehmer*innen.Danach wurde das Wort übergeben an den Moderator Alexander Wragge von „Die offene Gesellschaft„, der die drei Keynote-Speaker ankündigte und die Diskussionen leitete. Anschließend folgten die Inputs der Speaker Mona Jas, Ansgar Drücker und Fatuma Musa. Nach jedem Input war Zeit für Fragen und Diskussion. Wir saßen dabei alle zusammen in einem Kreis aus Holzbänken, eine Bühne im klassischen Sinne gab es nicht. Soviel zum äußeren Rahmen.

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"
Alexander Wragge moderiert die Inputs

Mona Jas – Kunst und offene Gesellschaft? Was hat das eigentlich miteinander zu tun?

Die drei Vorträge waren alle komplett unterschiedlich – von der Art vorzutragen, der Stimmung, die damit kreiert wurde und den inhaltlichen Schwerpunkten. Mona Jas machte den Anfang. Sie ist Künstlerin, Honorarprofessorin für Theorie und Geschichte an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin und Initiatorin eines Kulturprojekts für und mit geflüchteten Menschen.

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"
Mona Jas bei ihrem Vortrag

 

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"          youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

 

Die sogenannte „Berlin-Mondiale“ organisiert Partnerschaften zwischen Kultureinrichtungen und Notunterkünften für Geflüchtete. Viele sehr unterschiedliche Institutionen (vom Haus der Kulturen der Welt bis zum Deutschen Theater, von kleineren Vereinen wie Young Arts Neukölln und den ‚KunstWerken‘, einem Ort für Ausstellungen in Berlin-Mitte) machen mit – und werden dabei von dem Netzwerk unterstützt. Was passiert konkret? Mona Jas lädt ein, mit ihr spazieren zu gehen! Und zwar die Menschen aus Flüchtlingsunterkünften wie beispielsweise der in Moabid. Aber genauso andere Menschen aus der Nachbarschaft – Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Im Prinzip ist jeder eingeladen, der gerne mitmachen möchte. Beim Spaziergang werden dann Kunstwerke besichtigt und es besteht die Möglichkeit, selbst kreativ zu werden.

Für Mona Jas war es, wie sie zu Beginn ihres Vortrages festhält, eine Herausforderung als Speakerin zum Thema „Offene Gesellschaft“ aufzutreten. Sie kommt aus dem visuellen Bereich und  auf den ersten Blick ist die Verbindung zwischen dem Thema „Offene Gesellschaft“ und Kunst nicht ganz offensichtlich. Was hat das eigentlich miteinander zu tun? Was ist das Ziel ihrer Arbeit? Das waren die Leitfragen, die sie sich am Anfang stellte.

Ziel der Arbeit von Mona Jas ist die künstlerische Arbeit mit unterschiedlichen kulturellen Gruppen. Sie möchte durch oder in künstlerischen Prozessen Formate finden, die individuell verbinden, gemeinsam neue Perspektiven eröffnen, Projekte machen, die Netzwerke schaffen, in denen Grenzen überschritten und auch akute, aktuelle Themen bearbeitet werden. Das Ganze soll außerdem mit experimentellen und innovativen Methoden passieren. Dazu stellt sie sich häufig die Frage: Was stellt sich Prozessen dieser Art eigentlich entgegen? Oder allgemeiner formuliert: Was verhindert Offenheit?

Aus der Erfahrung heraus, die sie in ihrer Arbeit macht, hat sie gelernt, dass es meist nicht an Sprachhürden oder kulturellen Unterschieden liegt, sondern es sich oft um Probleme handelt, welche unsere Gesellschaft sowieso hat und die sich durch die größere Heterogenität der Gruppen nur zugespitzt präsentieren. Diese Heterogenität sieht sie persönlich als riesengroße Chance, sieht aber genauso, dass es anscheinend die Menschen überfordert. Sie geht damit so um, dass sie versucht durch künstlerische Projekte Netzwerke zu schaffen. Aus dieser Arbeit, kann sie erzählen, dass individuell verbinden nur dann funktioniert, wenn Vertrauen da ist und die Möglichkeit, sich immer wieder zu begegnen.

Erschwert werden diese Prozesse vor allem durch Ungleichgewichte jeglicher Art. Sie macht ein eindrückliches Beispiel: Als Engagierter, der in eine Flüchtlingsunterkunft kommt, sehe ich wie dort eine Familie lebt, diese Familie sieht aber nicht, wie ich oder meine Familie leben. Eine andere entscheidende Frage ist: Warum soll jetzt eigentlich diese Familie irgendein Projekt mit mir machen? Hier stößt man an Grenzen bzw. auf ein starkes Ungleichgewicht. Zusammenarbeit funktioniert nur, wenn davor eine Symmetrie hergestellt wird. Sonst ist es, als würde eine Partie die jeweils andere „bespielen“.

Ihr Anliegen für ihr Projekt war deshalb schlicht und ergreifend: Sie möchte mit denjenigen, die sich dafür interessieren, einen Spaziergang durch Berlin machen – und zwar von der Unterkunft in Moabid bis zu den Kunstwerken in Berlin Mitte und so verschiedene Orte miteinander verbinden und dadurch auch die Menschen, die mitgehen. Ein Ziel dabei ist, den institutionellen Rahmen zu verlassen, um eben diese gewisse Symmetrie zu schaffen. Das heißt im Endeffekt: Die Menschen vernetzen sich, schließen vielleicht sogar Freundschaften.

Dazu ist es auch sehr wichtig, dass jeder an seinen eigenen Vorurteilen arbeitet, darüber spricht, sich selbst auch mitsamt den postkolonialen Strukturen, in denen wir leben, in den Blick nimmt. Manche Projekte scheitern auch daran, dass gesagt oder gedacht wird „ich weiß was für euch gut ist“. Eine solche paternalistische Haltung muss ebenfalls überwunden werden. Aber wenn das geschafft ist und Leute von sich aus Lust haben z.B. wie es Frau Jas anbietet, spazieren zu gehen, dann ist schon viel gewonnen und es können neue Verbindungen entstehen.

In der anschließenden Diskussionsrunde ging Frau Jas dann unter anderem noch auf ein Konzept ein, das eigentlich aus der Literaturwissenschaft kommt, ihr aber als Bild für ihre Vorgehensweise und ihr Verhältnis zur Gesellschaft dient und das, wie ich ganz persönlich finde, schön und nennenswert ist. Und zwar erzählte sie vom Konzept des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin, welcher sagt, dass zwei Sprecher in jeder Situation ihre Sprache neu verhandeln, d.h. in jeder Situation werden wir eine neue Sprache finden („duzen“ oder „siezen“ wir uns? Mit wem sprechen wir wie auf welche Weise? etc.). Wer jetzt auch einen kleinen Einblick in die Arbeit von Mona Jas bekommen will, kann sich z.B. das Album anschauen, das im Zuge eines der Projekte entstanden ist. Darin finden sich Fotos, Zeichnungen und Kommentare der Beteiligten.

Ansgar Drücker – Wir sollten die offene Gesellschaft feiern

Der nächste Speaker war Ansgar Drücker. Er ist Geschäftsführer beim Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V., welches Jugendverbände bei Fragen rund um die Thematik Antirassismus berät.

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"
Ansgar Drücker gibt seinen Input

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

Gleich zu Beginn seiner Rede geht er auf aktuelle Brennpunkte in Politik und Gesellschaft (wie beispielsweise die Wahlergebnisse rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien, das „Feindbild Muslime“ über den Brexit bis hin zur Silvesternacht in Köln) ein und stellt diesen die Tätigkeit der „Gutmenschen“ von youngcaritas gegenüber: „Und dann kommen die Gutmenschen – das ist ja inzwischen fast zu einem Schimpfwort geworden – der youngcaritas daher und wollen idealistisch über „offene Gesellschaft“ diskutieren, während gerade überall Grenzen geschlossen werden?“ Und kurz darauf folgt „Offene Gesellschaft ist schön, aber ein bisschen Privatsphäre haben wir alle ganz gern.“

Nicht nur mit Aussagen wie diesen führt Ansgar Drücker uns erstmal deutlich vor Augen, dass wir bei allem Tatendrang und allen wichtigen und auch wünschenswerten Diskussionen nicht den Boden unter den Füßen verlieren dürfen. Ebenso weist er darauf hin, dass heutzutage oft Menschengruppen über einen Kamm geschoren werden, die man so einfach nicht in einen Topf zusammenwerfen kann. So geschehen beispielsweise nach den Ereignissen in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln. Sexuelle Übergriffe, überwiegend verübt durch junge Männer nordafrikanischer Herkunft, machten plötzlich alle muslimischen jungen Männer zu Sexisten und potenziellen Tätern. Sexualität ist überhaupt ein Thema, was Angst hervorruft.

Ein anderes Thema ist die Neidgesellschaft. Ansgar Drücker sagt dazu ganz klar: „Offene Gesellschaft kann nur funktionieren mit Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Solidarität mit Schwächeren. Angst, Neid und Hass sind die derzeit sichtbarsten Gifte für die offene Gesellschaft. Das bedeutet aber, dass wir die Menschen nicht nur auf der argumentativen Ebene, sondern auch emotional für die offene Gesellschaft gewinnen müssen. Denn Angst, Neid und Hass sind häufig irrationale Gefühle, bei denen wegdiskutieren wollen nicht weiterhilft.“

Der Tenor und das Schlussfazit, das er zieht, ist, dass wir uns vielleicht nicht die Köpfe über den richtigen Umgang mit den Feinden der offenen Gesellschaft heißreden, sondern stärker überlegen, wie wir von der offenen Gesellschaft, die wir in Teilen längst verwirklicht haben, schwärmen und lernen und für sie werben sollten.

In der anschließenden Diskussionsrunde sorgte vor allem eine Aussage für einen allgemeinen Lacher in der Runde. Zum Thema der Neiddebatte und Emotionalität versus Rationalität fällt der Kommentar vom Moderator Alex „Viele Leute in Deutschland hätten sich selbst mal gewünscht, dass Merkel sie in den Arm nimmt und mit ihnen ein Selfie macht. Jetzt kommt jemand neu ins Land und bekommt diese körperliche Nähe und Emotion und andere denken sich: „‚Ja, und bei mir kommt niemand vorbei und sagt, du bist willkommen und ich hab dich lieb‘. Könnte es sein, dass wir nicht auch in unserer Leistungsgesellschaft zu wenig emotionale Wertschätzung erhalten?“ Ja, könnte es. Aber das hätte in unserer Runde jetzt wohl eine Debatte über Tiefenpsychologie gegeben, in die wir dann doch nicht einsteigen wollten.
Hier findet Ihr eine Zusammenfassung der Keynote von Ansgar.

Fatuma Musa – Be a changer!

Die letzte Input-Geberin in der Runde war schließlich Fatuma Musa. Sie ist Aktivistin für Frauenrechte und Newcomer, beschäftigt sich also mit Themen rund um Frauen, Geflüchtete, Neuankömmlinge und Integration. Obwohl sie die letzte Speakerin in der Runde war, hatte sie sofort alle Aufmerksamkeit auf ihrer Seite. Nicht nur aufgrund der wahnsinns Energie, mit der sie auftrat, sondern auch, weil sie uns mit ihrem „kaputten“ Deutsch direkt zum Lachen brachte.

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"
Fatuma Musa holt sich ein Statement aus dem Publikum

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

 

Sie beginnt ihre Rede mit der Frage, die ich diesem Beitrag vorangestellt habe. „What is change? And what is change for you personally?“ Sie holt sich zwei Meinungen aus dem Publikum. Der O-Ton ist im Endeffekt: Man hat einen Status quo, der besser oder schlechter wird, was dann als „change“, das heißt als Veränderung bezeichnet werden kann. Die Intention ist aber meist, etwas zu verbessern und nicht zu verschlechtern.

Fatuma sagt von sich selbst „I’m a change maker“. Sie geht von dem Standpunkt aus, dass jeder seine eigene Meinung zu der Frage hat und sagt dann: „We are all right in our own way. And that is where the problem starts.“ Keiner kann einem anderen seine Meinung vorschreiben. Um uns selbst eine Meinung bilden zu können, sieht sie vor allem eine Sache als essentiell an: Bildung. „We need to educate ourselves about everything.“ Wir müssen in der Lage sein über alles, was uns beschäftigt zu sprechen.

Aber es geht nicht nur darum. Bildung heißt auch, die Person neben dir zu verstehen. Es geht darum, die Gesellschaft, die dich umgibt und in der du lebst mitsamt ihren Problemen zu verstehen. Um ihren Standpunkt zu verdeutlichen, fragt Fatuma provokant in die Runde: „Would you like to leave Deutschland today? Would you like to go to Somalia? Forever?“ Die Antwort aus dem Publikum war nein und zwar aufgrund der eigenen Familie, die hier lebt. Fatuma macht sehr deutlich, dass vermutlich niemand sein Land verlassen wollen würde, wenn alles super toll ist. Menschen flüchten nicht, wenn es keinen Grund dafür gibt. Das sollten wir immer mitdenken, sagt sie.

Es ist gut, sich bewusst zu sein über die Probleme in unserer Gesellschaft. Auch in Deutschland gibt es beispielsweise Leute, die in Armut leben und alte Menschen, die Hilfe brauchen. Sie als „political activist“ will sich einsetzen, etwas tun, etwas bewegen. Solche Hilfe fängt im Kleinen an, sagt sie. Allein wenn man eine Stunde seiner Zeit dafür einsetzt, einem anderen Menschen zu helfen oder beispielsweise an einer politischen Diskussion teilzunehmen, kann das schon viel bewirken.

Zum Abschluss warf sie die Frage in die Runde „In what kind of community would you like to live in?” Und sie selbst beantwortete die Frage mit: “I want to live in a world that respects everybody regardless of what they are.“ Aber um die Realität nicht aus den Augen zu verlieren, sagt sie auch ganz klar, dass es natürlich ein Prozess ist, zeitaufwendig und manchmal auch riskant, ein “changer” zu sein. „It’s a dedication from the heart.“ Der nächste Schritt ist dann, ins Handeln zu kommen und die Verschiedenheit zu feiern, die in unserer Gesellschaft besteht. Und ein oder vielleicht DER entscheidende Schlüssel dafür ist: Kommunikation.

Offene Gesellschaft ist für mich…

Alle Vorträge waren auf ihre Art einzigartig und toll. Und gerade die Verschiedenheit passt, wie ich finde, perfekt zum Thema von we.confer. Das ist doch schon ein Stück weit offene Gesellschaft, oder nicht? Verschiedene Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und privaten Hintergrund werden gehört und tragen etwas zur Gesellschaft bei. In dem Raum der Forum Factory Berlin, in der we.confer stattfand, war an einer Wand der Satz angebracht „Eine offene Gesellschaft ist für mich… eine Zumutung / eine Herausforderung / ein großes Glück“ und jede*r Teilnehmer*in konnte einen Punkt unter die Aussage kleben, die für ihn zutrifft. Die meisten klebten ihre Punkte unter „eine Herausforderung“, wobei auch eine Tendenz zu „ein großes Glück“ zu sehen war. Nur ein Punkt klebte unter „eine Zumutung“.

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Auch ich persönlich sehe die offene Gesellschaft als Herausforderung. Dieser Freitagabend hat mir aber einmal mehr bewiesen, dass die offene Gesellschaft schon ein Stück weit Realität ist und jeder von uns täglich, wenn auch nur im Kleinen (oder gerade im Kleinen?), etwas dazu beitragen kann. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, spüre ich immer noch die gute Atmosphäre, die am Freitag Abend in diesem Raum war. Danke an alle, die dabei waren und das kreiert haben! 🙂

Text: Eva Linz, Praktikantin bei youngcaritas Deutschland

Fotos: Walter Wetzler

Hier geht es weiter mit dem Blogbeitrag von Eva über den Samstag von we.confer.