we.confer 2016

we.confer 2016

Wie war das BarCamp „Offene Gesellschaft“?

Eine Zusammenfassung

Egal über welches Thema man spricht, jeder wird bedingt durch seine Herkunft, seine Art, seinen kulturellen Hintergrund, etc. eine andere Perspektive zur „Offenen Gesellschaft“ einnehmen und eine andere Meinung vertreten. Die Realität ist vielschichtig, aber diese Vielschichtigkeit muss uns keine Angst machen. In ihr verbirgt sich ein großes Potenzial, das wir als Chance nutzen können.

we.confer
Eva bei we.confer
Foto: Walter Wetzler

Zwei Tage zum Thema „Offene Gesellschaft“, zwei Tage Inputs, Experimentieren, Diskutieren, zwei Tage für Engagement und Vielfalt. Von Freitagabend bis Samstagabend tauschten sich Interessierte beim „we.confer“ (dt. „Wir beratschlagen“), welches vom 23. bis 24.09.2016 unter der Leitung von youngcaritas Deutschland und youngcaritas Berlin veranstaltet wurde, über das Thema „Offene Gesellschaft“ aus.

Freitag

Am Freitagabend gab es drei Vorträge, welche alle komplett unterschiedlich waren – von der Art vorzutragen, der Stimmung, die damit kreiert wurde und den inhaltlichen Schwerpunkten. Mona Jas machte den Anfang. Sie ist Künstlerin, Honorarprofessorin für Theorie und Geschichte an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin und Initiatorin eines Kulturprojekts für und mit geflüchteten Menschen.

Der zweite Speaker war Ansgar Drücker. Er ist Geschäftsführer beim Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V., welches Jugendverbände bei Fragen rund um die Thematik Antirassismus berät.

Die letzte Input-Geberin in der Runde war schließlich Fatuma Musa. Sie ist Aktivistin für Frauenrechte und Newcomer, beschäftigt sich also mit Themen rund um Frauen, Geflüchtete, Neuankömmlinge und Integration. Obwohl sie die letzte Speakerin in der Runde war, hatte sie sofort alle Aufmerksamkeit auf ihrer Seite. Nicht nur aufgrund der enormen Energie, mit der sie auftrat, sondern auch, weil sie uns mit ihrem „kaputten“ Deutsch direkt zum Lachen brachte.

Alle Vorträge waren auf ihre Art einzigartig und toll. Und gerade die Verschiedenheit passt perfekt zum Thema des „we.confer“. Das ist doch schon ein Stück weit offene Gesellschaft, oder nicht? Verschiedene Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und privaten Hintergrund werden gehört und tragen etwas zur Gesellschaft bei.

Erste Rund am Samstag morgen Foto: Walter Wetzler
Erste Austausch-Runde am Samstag morgen
Foto: Walter Wetzler

Samstag

Für den Samstag haben Doris Wietfeldt als interkulturelle Prozessbegleiterin und der Experience Designer Johannes Tolk sich im Vorhinein Gedanken gemacht und hatten sich ein Konzept und Programm überlegt. Dieses war allerdings inhaltlich relativ offen. Das heißt, die beiden haben sich an dem, was konkret passiert, orientiert und dann mit uns gemeinsam die Inhalte entwickelt und gewisse Anstöße gegeben.

Wer mehr über das we.confer lesen möchte, findet auf diesen Seiten eine Reihe von Beiträgen und natürlich Infos auf youngcaritas.de.

Eva Linz
Praktikantin bei youngcaritas Deutschland

Was eine offene Gesellschaft braucht, um nicht zu scheitern – Ansgar Drücker

Was eine offene Gesellschaft braucht, um nicht zu scheitern – Ansgar Drücker

Ansgar Drücker, Geschäftsführer von IDA  e.V. (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit), hat am Freitag, den 23.09.2016 bei we.confer eine Keynote gehalten. Hier findet Ihr eine Zusammenfassung.

Was eine offene Gesellschaft braucht, um nicht zu scheitern

  • Ein positives Menschenbild
  • Machtstrukturen überprüfen und den Umgang miteinander neu aushandeln
  • Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Solidarität mit Schwächeren
  • Begegnungen fördern
  • Gerechtigkeit als Ziel
  • Schwärmen und lernen von der offenen Gesellschaft und für sie werben

 

Portrait Ansgar Drücker, Geschäftsführer IDA
Ansgar Drücker bei we.confer, dem youngcaritas barcamp zum Thema „Offene Gesellschaft“
Foto: Walter Wetzler

Die Idee der offenen Gesellschaft geht von einem positiven Menschenbild aus. Menschen haben große Entscheidungsfreiräume und vielfältige Lebensstile. Wenn sich Lebensäußerungen Einzelner in die Quere kommen, müssen Konflikte in Aushandlungsprozessen möglichst auf Augenhöhe diskutiert und geklärt werden. Soweit das Ideal. Sobald es um Rassismus und Diskriminierung geht, kommt aber die Ebene der Macht hinzu, kommen Hierarchien ins Spiel. Die Mehrheit setzt ihre Normalitäten durch. Die, die schon immer da waren, wollen, dass es so bleibt, wie sie es sich eingerichtet haben. Die offene Gesellschaft stellt also Strukturen und Regeln immer wieder auf den Prüfstand. Und sie ist nur dann wirklich offen, wenn sie Minderheiten schützt und zumindest als Ziel gleiche Lebenschancen für alle verwirklichen möchte. Offene Gesellschaft bedeutet also weit mehr als „Jeder wird mit seinem Lebensweg glücklich“. Offene Gesellschaft kann nur funktionieren auf Basis von Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Solidarität mit Schwächeren.

Angst, Neid und Hass sind die derzeit sichtbarsten Gifte für die offene Gesellschaft. Das bedeutet aber, dass wir die Menschen nicht nur auf der argumentativen Ebene, sondern auch emotional für die offene Gesellschaft gewinnen müssen. Denn Angst, Neid und Hass sind häufig irrationale Gefühle, bei denen wegdiskutieren wollen nicht weiterhilft.

Keynote von Ansgar Drücker zur Offenen Gesellschaft bei we.confer, youngcaritas barcamp Foto: Walter Wetzler
Keynote von Ansgar Drücker zur Offenen Gesellschaft bei we.confer, youngcaritas barcamp
Foto: Walter Wetzler

Vielleicht bin ich auch einer dieser naiven Gutmenschen, aber ich glaube – neben klaren gesellschaftlichen Regelungen für Solidarität und gegen Diskriminierung – weiterhin an die Kraft der Begegnung von Menschen über Grenzen und verschiedenste Lebenswege hinweg. Und nirgendwo habe ich das so deutlich erlebt wie in der Flüchtlingshilfe. Menschen, die einfach nur helfen wollten, merkten dass ihre Erwartung der Dankbarkeit Geflüchtete bevormundet, dass ihre Vorstellungen, was gut für Geflüchtete wäre, mal passten und mal überhaupt nicht passten. Sie merkten, dass sie viele Reaktionen der Geflüchteten auf Anhieb nicht verstanden. Aber sie waren schon so gut im Kontakt, dass sie versucht haben zu verstehen und dabei dazugelernt haben. Sie haben lernen müssen, auch die Wut und Enttäuschung der Geflüchteten zu ertragen, ja zu akzeptieren, dass sie Teil dieses Deutschlands sind, dass neben dem freundlichen Gesicht der Willkommenskultur auch eine verregelte, manchmal geradezu verriegelte Gesellschaft ist. Sie wurden mit ihrer eigenen Machtlosigkeit konfrontiert, wenn sie Briefe vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge übersetzt und erläutert haben oder Amtsgänge begleitet haben. Und sie haben viel über ihre eigenen Grenzen und Normalitätsvorstellungen gelernt.

Ansgar Drücker, Geschäftsführer des IDA e.V. Foto: Walter Wetzler
Ansgar Drücker, Geschäftsführer des IDA e.V.
Foto: Walter Wetzler

Eine offene Gesellschaft ist  nicht nur eine politische und gesellschaftliche Herausforderung, sondern auch eine Herausforderung für uns selbst, unsere eigene Toleranz und unseren eigenen Respekt vor den Lebenssituationen anderer Menschen. Eine offene Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn Gerechtigkeit ein wichtiges gesellschaftliches Ziel ist und Diskriminierung gesellschaftlich und individuell geächtet ist. Kontrovers diskutiert werden wird weiterhin die Frage, ob und wie wir die Menschen, die sich einer offenen Gesellschaft offen verweigern, mitnehmen. Man kann dabei unterscheiden zwischen dem Umgang mit der AfD und dem Umgang mit der Wählerinnen und Wählern der AfD. Man kann versuchen deutlich zu markieren, dass man menschenfeindliche, rassistische und diskriminierende Positionen ablehnt, aber nicht unbedingt den Menschen, der sie äußert. Vielleicht sollten wir uns nicht die Köpfe über den richtigen Umgang mit den Feinden der offenen Gesellschaft heißreden, sondern stärker überlegen, wie wir von der offenen Gesellschaft, die wir in Teilen längst verwirklicht haben, schwärmen und lernen und für sie werben können.

 

Das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V. (IDA) hat seinen Sitz in Düsseldorf und ist bundesweit tätig. Es versteht sich als das Dienstleistungszentrum der Jugendverbände für die Themenfelder (Anti-)Rassismus, Rechtsextremismus, Migration, Interkulturalität und Diversität. Weitere Informationen unter www.idaev.de.

Wo ist Osman?

Wo ist Osman?

Samstag, 24.09.2016

Was ist jetzt mit der offenen Gesellschaft? Was macht man bei einem BarCamp? Und wo ist eigentlich Osman?

Der Samstag beginnt mit der Begrüßung durch Doris und Johannes. Von den beiden habe ich euch ja bereits in meinem Beitrag zur Vorbesprechung von we.confer erzählt. Doris Wietfeldt ist interkulturelle Prozessbegleiterin, Johannes Tolk Experience Designer und die beiden haben mit uns den Samstag des we.confer gestaltet.

Viele fragten sich im Vorhinein, was denn eigentlich ein BarCamp ist. Das we.confer war kein Barcamp im klassischen Sinne, sondern Doris und Johannes haben sich im Vorhinein Gedanken gemacht und hatten sich ein Konzept und Programm für uns überlegt. Dieses war allerdings inhaltlich relativ offen. Das heißt, die beiden haben sich an dem, was konkret passiert (und am Freitagabend bereits passiert ist), orientiert, mit uns gemeinsam die Inhalte entwickelt und Anstöße gegeben.

Konkret sah das dann so aus: Wir kamen am Samstag zur Forum Factory, wo Doris und Johannes bereits etwas für uns aufgebaut hatten. Aus den am Abend zuvor als Sitzmöbel gebrauchten Holzbänken waren nun zwei verschiedene Sitzgruppen entstanden. Die eine Sitzgruppe war auf der Bühne aufgebaut. Dort standen mehrere Bänke in einem engen Kreis. In der Mitte befand sich ein Tisch mit einem Schokoladenbrunnen. Die zweite Sitzgruppe befand sich in der Mitte des Raumes. Dort waren je zwei mal drei Bänke übereinander montiert. Diese standen sich sehr eng gegenüber. Am besten ihr seht selbst:

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"
Doris begrüßt uns am Samstagmorgen
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Die beiden Sitzgruppen im Raum der Forum Factory

Die erste Aufgabe

Unsere erste Aufgabe an diesem Samstagmorgen war, dass wir uns auf diese Sitzgruppen verteilen sollten. Jeder dahin, wo es ihn hinzog. Ich entschied mich für die Gruppe mit den übereinander montierten Bänken, das fand ich irgendwie spannend. Als sich alle verteilt hatten und wir in den Gruppen zusammensaßen, sollten wir uns kennenlernen und darüber unterhalten was für uns persönlich „offene Gesellschaft“ bedeutet. Allein das hätten wir stundenlang machen können, hatte ich das Gefühl.

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

 

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"     youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

Doris, die das Ganze moderiert hat, musste uns regelrecht unterbrechen. Doch das war auch gut, fand ich, denn wir waren ja alle gespannt, wie es weitergeht.

Doris stand in der Mitte der beiden Sitzgruppen und hielt Briefumschläge in ihren Händen, auf denen zu lesen war: „Wo ist Osman?“

 

„Wo ist Osman?“

youngcaritas barcamp zum Thema "Offene Gesellschaft"

Doris erklärte uns, dass wir nun aus den bestehenden zwei Gruppen insgesamt vier Gruppen bilden sollten. In den Umschlägen befanden sich 10€, die wir als „Türöffner“ benutzen konnten. „Wo ist Osman?“ bildete den Aufhänger für die anschließende Aufgabe. Besagter Osman war tatsächlich am Freitagabend auf unserer Veranstaltung. Er kommt ursprünglich aus der Türkei, lebt aber schon länger in Berlin und kam am Freitag spontan zu uns, ging aber nach kurzer Zeit schon wieder und es war nicht ganz klar, warum er gegangen ist. Hat er nichts verstanden? Hat es ihn nicht interessiert? Hätte es geholfen, wenn wir ihm mehr erklärt hätten? Bei einigen hinterließ dies ein etwas bedrückendes Gefühl.

Dies nahmen nun Doris und Johannes als Aufhänger. Wir sollten uns mit dem Umschlag auf die Suche nach Osman machen. Zumindest symbolisch. Aber vielleicht begegneten wir ihm auch wirklich. Die Aufgabe war jedenfalls zum Mehringplatz zu gehen und rund um diesen Platz an den Türen zu klingeln und zu versuchen, mit den Leuten, die dort leben, ins Gespräch über „Offene Gesellschaft“ zu kommen.

Die Gruppen ziehen los

Die Gruppen waren schnell gebildet und zogen los. Meine Gruppe entschied sich dafür direkt an der nächst besten Tür auf dem Mehringplatz zu klingeln und gar nicht erst in einen Laden zu gehen, um mit den 10€ Gastgeschenke zu kaufen. Unser Plan war ganz offen zu kommunizieren, dass wir gerade bei einem Workshop mitmachen zum Thema „Offene Gesellschaft“ und uns dazu gerne Meinungen verschiedener Leute einholen möchten.

Ehrlich gesagt, war mir am Anfang schon etwas mulmig zumute. Ich dachte daran, wie ich selbst wohl reagieren würde, wenn wildfremde Menschen bei mir klingeln und mit mir über „Offene Gesellschaft“ sprechen wollen. Das käme mir schon sehr eigenartig vor und ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte. Daher war meine Erwartung auch, dass vermutlich 8 von 10 Leuten uns abweisen würden. Umso überraschter war ich, dass direkt unser erster Klingelversuch sich als Volltreffer erwies. Ein etwa 50jähriger Mann öffnete uns die Tür. Er erzählte uns, dass er vor etwa 26 Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen war. Er ist Architekt und arbeitet in seinem Stadtteil in Berlin in einem Verein mit, der neu ankommenden Familien hilft, sich besser in Deutschland zu integrieren. Es wirkte, als würde er sich geradezu freuen, dass wir mit ihm über dieses Thema sprechen wollen.

Er erzählte uns, wie wichtig er es findet, beispielsweise die Sprache des Landes zu lernen, in dem man lebt. Er selbst spricht 5 verschiedene Sprachen und jede Fremdsprache klang anfangs komisch für ihn. Dieses Gefühl bestehe aber nur so lange, wie man eine Sprache nicht selbst sprechen kann. Sobald du selbst ein paar Wörter einer Sprache sprichst, ist sie dir nicht mehr so fremd. Außerdem betonte er den Wert von Kontakten. Sobald man Anschluss findet in einer neuen Umgebung, wird sie zu etwas eigenem, zu einer Umgebung, in der man nicht mehr nur Gast ist.

Und was mir auch im Kopf blieb, war, dass er sagte, dass er wahrnimmt, dass es eine große Mehrheit an Menschen in Deutschland gibt, die sehr offen und tolerant sind und positiv über die kulturelle Vielfalt denken, dass diese Mehrheit aber oft schweigt. Und in den Medien wird die Meinung der Minderheiten breitgetreten. Ist was dran, dachte ich.

Als wir weiterzogen und an den nächsten Türen klingelten, hatten wir erstmal kein solches Glück mehr. Ein paar Mal wurden wir abgelehnt, ein paar Mal trafen wir auf Kinder, ein paar Mal machte einfach niemand auf. Auf dem Weg sprachen wir einen Obdachlosen an und fragten ihn nach seiner Meinung. Er wollte aber auch nicht wirklich mit uns sprechen und meinte nur, dass er da der falsche Ansprechpartner ist, da er sich bewusst aus der Gesellschaft heraushält.

In einem Hausflur begegneten wir dann unserem nächsten Gesprächspartner, der bereit war, sich ein bisschen mit uns zu unterhalten. Es war ein Mann, ungefähr Mitte 60. Er ist Berliner und lebte ehemals in der DDR. Bei ihm wurde im Gespräch ganz deutlich, dass er sich in seiner Umgebung mehr Sicherheit und die Einhaltung von Regeln wünscht. Er betonte mehrfach, wie sicher er und seine Frau sich damals in der DDR noch fühlten und wie sauber es beispielsweise war. Auf dem Platz vor seinem Haus wird heutzutage z.B. trotz Grillverbot ein ganzes Lamm am Spieß gegrillt. Außerdem lässt angeblich jeder seinen Müll überall herumliegen und von Mülltrennung kann erst gar nicht die Rede sein.

Dafür schätzt er immerhin den Kontakt zu seinen direkten Nachbarn. Unter ihnen sind Österreicher, Kroaten und Polen. Also auch ziemlich „multi-kulti“, denke ich. Mir kommt es so vor, als hätte dieser Mann nicht generell etwas gegen Fremde oder Ausländer, es stört ihn einfach, wenn sich Leute nicht an Regeln halten.

Als wir weitergehen, sehen wir zwei junge Frauen mit einem Kind über den Platz gehen, die – ähnlich wie wir – die Leute ansprechen bzw. auch bei Leuten klingeln. In unserer Gruppe fällt ein paar mal die Vermutung, es könne sich um Zeugen Jehovas handeln. Wir beschließen, auch sie anzusprechen. Und tatsächlich, es sind Zeugen Jehovas. Ihr Statement ist, dass sie es natürlich wunderbar finden, dass die Gesellschaft in Deutschland so offen ist, dass beispielsweise jeder die Religion ausüben kann, die er bevorzugt und sie nicht ausgeschlossen werden.

Bereits auf dem Weg zurück zur Forum Factory kommen wir schließlich noch an einem Straßenfest vorbei. Wir lesen auf einem Schild „Tag der Gehörlosen“ und denken das ist ja ideal, da fragen wir doch glatt auch noch jemanden nach seiner Meinung zum Thema „Offene Gesellschaft“. An einem Stand, an dem Jugendprojekte vorgestellt werden, ist ein junges Mädchen bereit, kurz mit uns zu sprechen. Ihr Statement zum Thema „Offene Gesellschaft“ ist: Jeder soll am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – egal ob er eine Behinderung hat oder nicht. Im Gespräch kommen wir darauf, dass es eigentlich gut wäre, wenn beispielsweise viel öfter Kurse für Gebärdensprache angeboten würden, da Übersetzer extrem gefragt sind. Auch das gehört auf jeden Fall zum Thema „offene Gesellschaft“, wie ich finde.

Ich bin überrascht wie vielfältig die Leute und Meinungen waren, die ich mit meiner Gruppe einholen konnte und bin sicher, dass es den anderen Gruppen vermutlich genauso ging.

„Just do it“

Als wir zurückkommen zur Forum Factory, geht es wild durcheinander und jeder möchte den anderen etwas von den eigenen Erlebnissen erzählen und umgekehrt. Wir setzen uns draußen auf ein großes Podest, in das sich die Holzbänke in der Zwischenzeit verwandelt haben. Es besteht die Möglichkeit, kurz über das Erlebte zu berichten. Dann sagen Doris und Johannes, dass es nun darum gehen soll, vom Reden ins Handeln zu kommen, ganz nach dem Motto „Just do it! – Einfach machen!“ Wir haben 30min Zeit nochmal in unseren Gruppen zu überlegen, was sich nun aus dem, was wir gehört und erlebt haben, ergeben könnte, was eine Aktion sein könnte, die man hier und jetzt sofort machen könnte. Danach sollten wir 15min irgendwohin laufen oder etwas besorgen, das wir für die Aktion brauchen und innerhalb von 5min sollten wir die Aktion dann schließlich tun.

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In meiner Gruppe fällt uns spontan der ehemalige DDR-Bewohner wieder ein, der sich so an dem Müll auf dem schönen Platz vor seinem Haus gestört hat und wir dachten: Warum machen wir nicht ihm und den Menschen dort eine kleine Freude und räumen den Müll weg? Das ist leicht umzusetzen und hat einen tatsächlichen Effekt für die Bewohner. Gesagt, getan sind wir los, haben Einweghandschuhe und Müllbeutel besorgt, sind zu dem Platz und haben den Müll aufgesammelt. Eine andere Gruppe fand diese Aktion so gut, dass sie sich mit angeschlossen haben. Diese Gruppe überredete dann sogar noch eine Gruppe kleiner Mädchen, die auf dem Platz spielten, uns beim Müllsammeln zu helfen. Insgesamt waren wir dann etwa 10-15 Leute, die innerhalb kürzester Zeit den Platz vom gröbsten Müll befreiten.

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Mit vollen Müllsäcken sind wir schließlich nochmal bei dem Anwohner, mit dem wir uns zuvor unterhalten hatten, vorbeigegangen und fragten ihn, ob wir die Säcke in deren Müllhäuschen entsorgen dürfen. Er war völlig überrascht von unserer Aktion und hat sich total gefreut.

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Zurück an der Forum Factory unterhielten wir uns schließlich nochmal in großer Runde über unsere Aktionen und was wir jetzt zum Thema „Offene Gesellschaft“ denken. An einem Punkt hakte Doris dann ein und meinte, sie habe den Eindruck, dass wir gerade nicht weiterkommen und dass es in einer solchen Lage oft gut ist, sich Hilfe zu holen. Ihre Idee war dann, dass diejenigen, die Lust haben, nochmal losziehen und fremde Personen auf der Straße ansprechen und sie zu uns einladen, um dann eventuell gemeinsam in unserer Sache voranzukommen.

Schließlich hatten wir wirklich zwei Gäste. Es waren zwei Mädels aus Schottland. Auch mit ihnen tauschten sich dann ein paar von uns aus. Als wir dann nochmal alle zusammensaßen, meinte Doris, dass sie sich beschämt fühlt, weil nicht alle in der Gruppe zusammengekommen seien, um die Gäste zu begrüßen und mit ihnen zu sprechen. Ist das ein Zeichen, dass unsere „Offene Gesellschaft“ schon im Kleinen gescheitert ist? Damit wurde uns auf jeden Fall ein Denkanstoß gegeben. Bei leckerem Essen und weiteren Gesprächen ließen wir den Abend und unser Barcamp dann gemütlich ausklingen.

Was hat mir das Ganze nun letztlich gebracht? Hat es was mit mir gemacht? Etwas in mir ausgelöst oder verändert?

Ja, hat es! Was die zwei Tage auf jeden Fall in mir bewirkt haben, ist, meinen Blick dafür zu öffnen, dass es extrem viele Perspektiven gibt. Und egal über welches Thema man spricht, jeder wird bedingt durch seine Herkunft, seine Art, seinen kulturellen Hintergrund, etc. eine andere Perspektive dazu einnehmen und eine andere Meinung vertreten. Die Realität ist vielschichtig, aber diese Vielschichtigkeit muss uns keine Angst machen. In ihr verbirgt sich ein großes Potenzial, das wir als Chance nutzen können.

Und hier schließt sich nun auch der Kreis zu all dem, was die Speaker bereits am Freitagabend gesagt haben. Alle drei haben von Ängsten gesprochen, die in der Gesellschaft existieren. Und alle drei sind sich einig, dass Kommunikation ein großer Schritt in die richtige Richtung ist, diese Ängste zu überwinden und die Diversität als etwas Positives zu erkennen. Und spätestens jetzt, nachdem ich mit Leuten ins Gespräch kam, mit denen ich sonst wahrscheinlich nicht zwangsläufig gesprochen hätte und vermutlich erst Recht nicht über ein so tiefgreifendes Thema wie das der „Offenen Gesellschaft“, weiß ich, wie sich dieser Schritt anfühlt und dass es gut ist, ihn zu gehen!

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Text: Eva Linz, Praktikantin bei youngcaritas Deutschland

Fotos: Walter Wetzler, Moritz Bross, Irene Bär.

Den Blog-Beitrag von Eva zum Freitagabend bei we.confer findest Du hier.