Jugend Rettet

Jugend Rettet

Im März 2017 war ich im Rahmen meines FSJs bei youngcaritas Deutschland mit 20 FSJlern auf einem fünftägigen Seminar zum Thema „Flucht und Asyl – Situation von Geflüchteten in Deutschland“. In einem Skype Call sprachen wir mit Adrian von „Jugend Rettet.“

Im Seminar lernten wir einiges über die Rechte und Pflichten, die man als Geflüchtete(r) und als Asylbewerber(in) hat. Auch lernten wir viel über die Statistiken und Gründe der Flucht. Doch vor allem hatten wir die Möglichkeit mit Menschen zu reden, die mit Geflüchteten arbeiten.

Es gab vier Freiwillige mit denen man sich verabreden konnte. Meine Gruppe entschied sich für den skype call mit Adrian aus Malta! Er ist ein Mitglied von Jugend Rettet und bot an, uns für 45 Minuten Frage und Antwort zu stehen um uns den Verein und seine Arbeit dort näher zu bringen. Wir alle haben noch nie zuvor von „Jugend Rettet“ gehört und wollten diese Gelegenheit somit unbedingt nutzen.

Von Freiwilligen gegründet

Was mich wirklich sehr beeindruckt hat ist, dass der Verein von Freiwilligen gegründet wurde und in deren Semesterferien und Urlaub betrieben wird. Ihr Schiff „Iuventa“ war anfangs ein Fischereifahrzeug, das sie mit Privatspenden erworben und zu einem für die Rettung aus Seenot tauglichen Schiff umgebaut haben. In Berlin schlägt das Herz des Vereins. Dort arbeitet das Kernteam Tag für Tag daran, die Missionen zu planen, den Verein bekannter zu machen und die Unterstützer(innen) untereinander zu vernetzen.
Daneben gibt es auch eine Vielzahl an Menschen, die tagtäglich an der Planung und Organisation beteiligt sind. Egal ob Malta, Köln oder Madrid – zusammen schafft der Verein es, über nationale Grenzen hinaus ein gemeinsames Projekt zu stemmen.

Die Crew engagiert sich vor Ort für Flüchtlinge in Seenot und jede(r) Einzelne riskiert sein / ihr Leben um Menschenleben zu retten, ohne etwas dafür zu verlangen!
„Ein Lächeln, gute Laune und die Tatsache, dass diese Menschen dem Tod entkommen sind, reicht uns schon als Dank“, sagte Adrian.

Wer mitmacht muss einiges aushalten können

Die Idee „Jugend Rettet“ zu gründen entstand bereits im Mai 2015. Im Vereinsregister befindet es sich seit dem 03.10 2015 und die erste Mission hatte das Team am 24. Juli 2016. Diese verlief unter dem Namen „Solidarity“, bei der 1388 Menschen gerettet werden konnten. So ein Einsatz dauert ca. zwei Wochen, in denen man durchgehend auf dem Meer ist: „Es erfordert also nicht nur körperliche sondern auch psychische Belastbarkeit, vor allem weil einige Missionen auch Verluste mit sich bringen,“ erläuterte Adrian.

Er hatte uns während des Gesprächs Dokumentarfilme hinterlegt, welche wir anschließend mit Spannung verfolgten.
Darin spielten vor allem zwei Themen eine sehr große Rolle: „Was genau ist Jugend rettet eigentlich?“ und „Wie kommt Jugend rettet bei den Menschen an?“.
Was aber auch thematisiert wurde und was auch wirklich durch die Videos und Bilder besser gezeigt werden konnte war: „Wie läuft so eine Rettung denn eigentlich ab?“.

„We are here to safe you“

Zuerst bekommt die Besatzung des Bootes per Funk eine Meldung (von der MRCC) von einer Sichtung eines oder mehrerer Flüchtlingsboote(s) mit genauen Koordinaten und dem Plan zur Vorgehensweise. Was aber auch vorkommen kann ist, dass andere Vereine wie z.B. „Sea Watch“ nach Unterstützung rufen oder dass „Jugend Rettet“ selbst ein Flüchtlingsboot in der Ferne mit Fernglas oder Radar entdeckt. Nach der Sichtung fährt ein kleineres Schnellboot, beladen mit mindestens drei Leuten vom Team und ausreichend Schwimmwesten, von der Iuventa aus zu den angegebenen Koordinaten des Flüchtlingsbootes. Dort angekommen werden diese mit beruhigenden Willkommensworten begrüßt: „We are here to safe you, ok? Everything is fine now!“. Die Schwimmwesten werden ausgetauscht und die Flüchtlinge werden auf das Schnellboot gebracht, das dann zurück zur Iuventa fährt. Sind es zu viele Flüchtlinge auf dem Boot, wird es vorsichtig mit einem Seil vom Schnellboot zur Iuventa gezogen.

Danach werden die Flüchtlinge nochmals von der Crew beruhigt, denn solange sie sich auf dem Gummi – oder Schlauchboot befinden stellt das eine hochgefährliche Situation für die Flüchtlinge selbst und auch für das Team dar. Es werden also in Ruhe die Menschen nacheinander auf die Iuventa gebracht, Verletze werden umgehend von Ärzten untersucht und es gibt Essen und Trinken für jede(n). Anschließend wird darauf gewartet, dass sich die italienische Küstenwache oder andere Rettungsorganisationen melden um die Flüchtlinge aufzunehmen und nach Europa zu bringen. „Dadurch wissen wir natürlich nicht, genau wie eben diese Flüchtlinge, wie es mit ihnen weitergeht, aber es geht uns auch einfach nur darum, dass diese Menschen nun nicht mehr Ertrinken müssen“, erklärte uns Adrian.

Es gibt viel Kritik im Netz

Doch nicht jede(r) feiert die Rettungserfolge des Vereins. Das Team muss sich viel Kritik und teilweise auch Hate auf ihren Social-Media-Kanälen anhören. Mit diesen gingen sie sowohl sachlich als auch strikt um:„Der Grundsatz des Teams lautet: Jeder Mensch hat ein Recht auf Rettung aus Seenot; und wer kann denn bitte daran Kritik ausüben, wenn Menschen gerettet werden die sonst sterben würden?“, erklärte uns Adrian. Jugend Rettet zeige, dass es möglich sei, etwas gegen das Sterben zu tun und fordert ein Seenotrettungsprogramm und die Entkriminalisierung von Flucht und flüchtenden Menschen. Außerdem sei es die gesetzliche Pflicht Menschen die in Seenot sind zu retten, wenn man diesen begegnet. Auch müsse laut Adrian den Leuten klar werden: „Niemand flüchtet einfach so, z.B. weil er es in einem anderen Land schöner haben könnte. Menschen flüchten, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als die Flucht anzutreten und es gibt auch kein Zurück mehr.“

Es war spannend zu erfahren, wie es einem Menschen aus dem Team ergeht, was er über die Arbeit des Vereins denkt und wie er mit schwierigen Situationen umgeht. Auch spannend zu erfahren war, dass Jugend Rettet ein sogenanntes Botschafter(innen) Netzwerk aus über 100 Menschen aufgebaut hat. Als wir nachfragten erklärte uns Adrian: „Als Botschafter(in) diskutiert man über politische Lösungen und gestaltet die Forderungen des Vereins mit. Außerdem macht man Jugend Rettet in seinem Ort bekannt!“.

Respekt für diesen Einsatz!

Was mich jedoch zum Staunen gebracht hat und immer noch tut ist recht simpel: Wenn ich daran denke mich für Flüchtlinge zu engagieren, dann würde ich doch niemals auf die Idee kommen ein Schiff zu kaufen um somit Menschen aus dem wohl gefährlichstem Gewässer der Welt zu retten. Ich würde wahrscheinlich rein aus Bequemlichkeit nach etwas in meiner Nähe suchen.
Es ist einfach bemerkenswert, dass man sich so für diese Menschen in Not einsetzt, weil man nicht mehr nur zusehen kann. Aktiv an „vorderster Front“ zu stehen und sich solch physischer und psychischer Belastung auszusetzen verdient meinen tiefsten Respekt!

Auch nach dem skype-call beschäftigten wir uns noch weiterhin mit Jugend Rettet, sowas geht einem halt auch nicht mehr so schnell wieder aus dem Kopf!

Zurzeit kämpft das Team darum, die Iuventa wieder aus dem Hafen von Trapani zurückzubekommen. Sie wurde nämlich dort festgesetzt, weil Tatbedacht besteht, dass der Verein mit den sogenannten Schleppern zusammenarbeitet. Es wurden Bilder und Audiodateien veröffentlichen, welche diesen Verdacht bestätigen sollen. Diese sind aber laut Jugend Rettet aus dem Kontext gerissen und auf genanntem Bild sei zwar eine Außeninstanz zu sehen, diese sei aber die sogenannten „Engine Fisher“, welche meist bewaffnet Motoren von Flüchtlingsbooten abbauen würden um damit mit z.B. Schleppern zu handeln. Da die Crew unbewaffnet sei, habe diese also keine andere Wahl als sich friedlich zu verhalten und die Situation zu beobachten. Sie seien keine Organisation, die gegen solche Leute und auch Schlepper vorgehe, sie seien einzig und allein auf das Retten von Menschen auf dem Meer aus und momentan werde sie genau daran gehindert.

„Seenotrettung is not a crime!“

Bei der Kritik und dem Hate steckt aus meiner Sicht die Angst vor den Folgen von Migration dahinter und nicht die Taten des Vereins. Es werden teilweise rassistische und rechtsextreme Kommentare geäußert, statt sachlich diskutiert. Diese Menschen nutzen die Situation aus, um Radau zu machen. Es handelt sich bei den Anschuldigungen um Vermutungen, die bisher noch nicht bewiesen wurden!

Jugend Rettet setzt sich für Menschen in Seenot ein und erfüllt dadurch einzig und allein ihre humanitäre Pflicht. Dass sie dadurch die Arbeit der Schlepper begünstigen stimmt, aber die Flüchtlinge ertrinken zu lassen ist unmenschlich!

Wer sich jetzt fragt wie man helfen kann, der sollte unbedingt die website von Jugend Rettet besuchen und im Netz die Botschaft „Seenotrettung is not a crime!“ verbreiten.
Ich hoffe jedenfalls, dass sie bald wie gewohnt weiter gute Taten vollbringen und Menschen für Seenotrettung begeistern können.

Bastian Weber, Freiwilligendienstleister youngcaritas Deutschland

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