Lützi bleibt! Was passiert gerade in Lützerath?

Lützerath ist ein Dorf in Nordrhein-Westfalen und liegt im rheinischen Braunkohlerevier am Tagebau Garzweiler II – nördlich von Köln und Aachen. Das Energieunternehmen RWE, das Braunkohle fördert, hat das Dorf gekauft.

2006 begannen sie mit der Umsiedlung der ursprünglichen Einwohner:innen. Inzwischen sind fast alle von ihnen weg. Seit ca. zwei Jahren wird das Dorf von Aktivisti besetzt.

Warum wird Lützerath besetzt?

Neben dem Dorf wird bereits abgebaggert. Unter Lützerath liegen besonders große Mengen an Braunkohle. RWE will das Dorf abreißen, um die darunterliegende Kohle zu fördern.

Das hätte schlimme Folgen für das Klima!

Warum ist Kohlekraft so schädlich fürs Klima?

Kohle als Energieträger stößt am meisten CO₂ aus. Braunkohlekraftwerke emittieren zum Beispiel zwischen 900 und 1200 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde. Das ist drei- bis viermal soviel wie ein modernes Gaskraftwerk.

Darum ist es wichtig, schnell und wirksam aus der Förderung und Verbrennung von Kohle auszusteigen.

Die Kohle unter Lützerath ist laut Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung nicht notwendig für die deutsche Energiesicherheit.

ABER: Sie sorgt für so viel CO2 Ausstoß, dass wir unsere Verpflichtungen zum Pariser Klimaabkommen und damit die 1,5 Grad Grenze nicht mehr einhalten können.

Deal der Politik

Die Wirtschaftsministerien in Bund und NRW einigten sich mit RWE auf einen vorgezogenen Kohleausstieg in NRW bis 2030 statt 2038. Allerdings darf RWE vorher deutlich mehr Emissionen als bisher geplant ausstoßen.

Fünf andere Dörfer in der Umgebung von Garzweiler sollen erhalten bleiben – aber Lützerath soll abgerissen werden.

Das Argument ist, dass die Kohle, die unter Lützerath liegt, zur Bewältigung der aktuellen Energiekrise dient. Doch soll diese Kohle laut RWE in den nächsten drei Jahren gar nicht angefasst werden.

Was passiert aktuell?

Die Aktivisti wollen mit ihrer Besetzung das Dorf retten und so den Abbau der Braunkohle unter Lützerath stoppen. Sie fordern neu zu verhandeln und Alternativen zu suchen!

In den vergangenen Wochen kamen immer mehr Aktivisti nach Lützerath und errichteten Barrikaden und Zäune um das Dorf herum.

Am 10. Januar begann die Polizei damit, einige Barrikaden zu entfernen. Ziel der Aktivisti ist es, die Räumung zu verhindern. Gefordert wird, zu prüfen, ob die Räumung laut Grundgesetz rechtens ist …

Was kannst Du tun …

Nach Lützerath fahren!

Am 14.01 findet dort in Lützerath um 12 Uhr eine Großdemonstration statt.

An Demos in Deiner Nähe teilnehmen!

Die Termine findest Du hier

Geld- und Sachspenden

Mit diesen können die Aktivisti vor Ort neue Aktionen planen. Spendeninfos findest Du hier.

Auf Lützerath aufmerksam machen:

Sprich mit Deiner Familie und Deinen Freund:innen, teile Beiträge auf Social Media, informiere dich, ….

Hier findest du aktuelle Infos

Newsticker des WDR

Webinar von Fridays for Future u.a. mit Claudia Kempfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. 

Offizielle Seite der Bewegung „Lützerath lebt“: www.luetzerathlebt.info

 

Abwarten und Tee trinken?

Wir bei youngcaritas haben uns in letzter Zeit viel mit der Klimakrise 🌏 beschäftigt. Mit einer neuen Postkarte versuchen wir das Spannungsfeld zu beschreiben, in dem wir uns dabei befinden: Viele der Infos zur Klimakrise sind beängstigend, sie lassen uns oftmals traurig, ohnmächtig oder wütend zurück.
😔

Abwarten und Tee trinken

Eine Reaktion kann sein, sich davor schützen zu wollen und weniger Nachrichten zu lesen. Doch gleichzeitig ist abwarten keine Option.
Wir können jetzt noch etwas ändern!

Darum starten wir mit Selbstfürsorge.🤗
An den Adventssonntagen haben wir zum Beispiel unter goodvibesonly auf Instagram dazu gepostet.
Ein weiterer Schritt: Unsere Klimagefühle wahrnehmen und darüber sprechen. Leute finden, mit denen wir gemeinsam aktiv werden können.

Und herausfinden, was wir denn wirklich tun können und wie wir unsere Kräfte gut einsetzen, um wirksam etwas für mehr Klimagerechtigkeit zu bewegen. Mehr große Hebel in Bewegung setzen, statt in vielen kleinen Öko-Tipps zu versinken. 🌬
Bist Du dabei?
Unter www.youngcaritas.de/tee-trinken gibt es mehr Infos. 🫖🥠

Spannende Bücher-Talks zur Klimakrise

Bücherstapel

Auf der Buchmesse in Frankfurt im Oktober 2022 erschienen eine Reihe spannender Bücher von Autorinnen rund um Lösungen und Visionen zum Ausweg aus der Klimakrise. Wir haben für mehrere der Bücher hier einige Audio- und Video-Talks für Euch, die euch informieren, ohne  dass ihr das ganze Buch lesen müsst. Und falls ihr danach Lust habt, das ganze Buch zu lesen: Um so besser 🙂

„Spannende Bücher-Talks zur Klimakrise“ weiterlesen

Erzählende Affen – welche Geschichte erzählst du?

Das Buch "Erzählende Affen"

Bei guten Geschichten bin ich sofort dabei – und deswegen habe ich mich schon sehr darauf gefreut, Erzählende Affen von Samira El Ouassil und Friedemann Karig zu lesen! Ob Rassismus, das Bild der Frau, Verschwörungstheorien oder Donald Trump – die beiden blicken hinter Geschichten, Mythen und Lügen, die wir uns tagtäglich erzählen. Was mich an diesem Buch so gefesselt hat und warum es für jede:n für uns wichtig ist, erzähle ich euch in dieser Rezension!

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Was haben die Bibel und Pretty Woman oder Donald Trump und Angela Merkel gemeinsam? Sie alle erzählen Geschichten. Und mal ehrlich gesagt – gute Geschichten, wer liebt sie denn auch nicht?  Geschichten sind überall um uns herum, waren immer schon da und begleiten uns auch weiterhin. Sie stecken eigentlich in allem, was uns umgibt: in Filmen, unseren liebsten Fernsehsendungen, Radio, Videospielen, Musik, Instagram, in Gesprächen mit unseren Nachbarn, in Kunstwerken …

Ihr seht schon, diese Liste lässt sich noch um einiges verlängern und das zeigt nicht nur wie wichtig Geschichten für uns Menschen sind, sondern auch, welche Macht sie über uns als einzelne Person aber auch als Gesellschaft haben. Denn Geschichten und Erzählungen können stärker sein, als es auf den ersten Blick scheint. Sie unterhalten oder erhellen uns nicht nur, sie wirken auch unterschwellig, können unser Denken beeinflussen und tragen dazu bei, wie wir unsere Wirklichkeit letztendlich gestalten.

„Wir denken und leben in Geschichten. Sie stecken in Worten und Bildern, in Büchern und Filmen, im Theater und in Videospielen, in jeder und jedem von uns.“ (S. 213)

Dieser Meinung sind die beiden Autor:innen Samira El Ouassil und Friedemann Karig, die uns Leser:innen in ihrem Buch Erzählende Affen auf eine wirklich spannende Reise durch die eindrücklichsten, mächtigsten aber zugleich auch erschreckendsten Erzählungen unserer westlichen Gesellschaft führen. In ihrem Buch, das 2021 beim Ullstein Verlag erschienen ist, hinterfragen die beiden sachlich aber zugleich auch unterhaltsam formuliert, Erzählungen, Mythen und Geschichten von der Antike bis zur Gegenwart. Im Zentrum stehen dabei die Narrative – Kerne der Erzählungen, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg durchgesetzt haben und in Geschichten unserer heutigen Zeit immer noch auftauchen. El Ouassil und Karig erörtern im Laufe ihres Buches zuerst, warum wir Menschen überhaupt Geschichten erzählen, führen uns kurz und knackig aber leicht verständlich an bekannte Erzählmuster und Kategorien heran und – das ist der spannendste und größte Teil des Buches – nehmen Narrative unter die Lupe, die heute Populärkultur, Politik und Massenmedien bestimmen – und genau das macht das Buch auch so kurzweilig, denn die Beispiele, die die beiden zur Erklärung benutzen, kennen wir alle!

So führen uns die beiden in ein dominierendes, erzählerisches Konstrukt – die Heldenreise – ein. Unfreiwillig, meist durch das Auftreten eines unerwarteten Konflikts bricht der Held aus seiner gewohnten Umgebung in die weite Welt auf und muss sich mit Hilfe von Mentor:innen, Freunden und Mitstreiter:innen schließlich dem Antagonisten stellen, um siegreich nach Hause zurückzukehren. So sind Geschichten aufgebaut, die jede:r von uns kennt, sei es Harry Potter, Der Herr der Ringe oder auch Mulan. Und auch in Informations- und Nachrichtendiensten tauchen Aspekte der Heldenreise immer wieder auf.

„Sprache [kann] nicht nur ausgrenzen, sondern sogar destruktiv sein. Sie hat jedoch auch eine schöpferische Kraft, durch die neue Wirklichkeiten erschaffen werden können.“ (S. 155)

Bei ihren Schilderungen machen El Ouassil und Karig dann auch folgendes klar: Sprache ist bei jeder Erzählung DAS Werkzeug und dabei nicht zu unterschätzen. Hier nennen die beiden ein eindrückliches Beispiel: das Wort „hautfarben“. Wer hat jetzt auch zuerst an ein helles beige gedacht? „Das Wort ist hierbei Ausdruck einer gesellschaftlichen Selbsterzählung, in welcher alles außer Weiß als Abweichung gilt“ (S. 155), so die Autor:innen. Dieser Grundgedanke verpackt in einem einzigen Wort schließt also ganze Personengruppen aus und ich finde es wirklich krass, wie sich dieses Denkmuster in unserem Gehirn festgesetzt hat, dass wir bei „hautfarben“ meistens sofort an Weiße Haut denken, als an eine andere Farbe. Es kommt also nicht nur darauf an Was erzählt wird, sondern auch Wie es erzählt wird.

Und das führt uns schon zum spannenden Teil des Buches. Die Autor:innen nehmen uns mit auf eine Reise durch verschiedene „Märchen für Erwachsene“ (kurz: MfE) und legen damit starke und zugleich gefährlichen Narrative offen, die derzeit unser Denken, wenn nicht sogar unsere Welt bestimmen.

„Von diesem Glauben an unseren potenziellen Erfolg und an die Idee, dass wir ganz allein für unseren Erfolg verantwortlich sind, profitiert unser gesamtes Gesellschaftssystem – und insbesondere unsere Wirtschaft.“ S. 253

Eines der ersten MfE‘s ist mir in meinem Leben immer wieder begegnet und ich glaube, ich bin damit nicht allein. Es lautet: Jeder ist seines Glückes Schmied … Wie oft hast du dieses Sprichwort schon gehört? Oder hast gedacht: Wenn ich nur hart genug arbeite und genug Energie reinstecke, dann werde ich … erreichen? Dass jede:r sich seinen/ihren eigenen Platz an der Sonne verdienen kann, erscheint doch eigentlich auch plausibel. Bei unserer heutigen Leistungsgesellschaft, die immer mehr fordert und Druck aufbaut, ist dieses System, das sich übrigens Meritokratie nennt, aber ein gefährliches Narrativ. Denn es impliziert auch: Wer nichts erreicht oder scheitert, ist schlicht und einfach selbst daran schuld. Wobei das überhaupt nicht so ist: „Die meritokratische Auffassung verkennt, dass die Zusammenhänge zu Bildung, Berufen und Beziehungen nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.“ Wenn ich also ein bestimmtes Ziel nicht erreiche, liegt es nicht unbedingt an mir, denn darauf machen die Autor:innen aufmerksam: Viele gesellschaftliche Strukturen wirken (leider) immer noch mit, wie beispielsweise der Status der Eltern.

„Weiße Menschen haben sich eine Geschichte gebaut, in der sie verdienen, dort zu sein, wo sie sind; und in der andere selbst schuld daran sein müssen, dass sie sich in schlechteren Positionen befinden.“ (S. 258)

Ein weiteres MfE, das mich wirklich sprachlos zurückgelassen hat, ist, was El Ouassil und Karig als „Erfindung des Schwarzseins“ bezeichnen. Und hier kommt die Heldenreise wieder ins Spiel, besonders die Schaffung eines Antagonisten – in diesem Fall die Schaffung eines „Anderen“. Die Autor:innen machen darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung „Menschenrasse“ eine Fiktion ist – und zwar eine Fiktion, die schlicht und einfach auf Erzählungen beruht. Sprachlos zurückgelassen haben mich die Erzählungen aus dem Jahr 1352, in denen schon berichtet wurde, wie Schwarze Menschen gezielt durch falsche Erzählungen als die Anderen, als primitive oder auch kannibalistische Menschen inszeniert wurden, um sich selbst (als Weiße Gesellschaft) in eine bessere und überlegenere Position zu bringen und die Sklaverei zu rechtfertigen … Das Traurige und Erschreckende daran, ist nicht nur, dass es damals schon funktioniert hat, sondern die Fiktion der Menschenrassen bis heute immer noch in vielen Denkmustern zu finden ist.

„Die Vorstellung von der Frau als hinterhältigem Wesen mit verstärkten Motiven und dem Mann als triebgesteuerter Marionette zieht sich weiterhin durch Märchen, Mythen, Popkultur und Journalismus.“ (S. 355-356)

Ein weiteres MfE, das mich wirklich sehr zum Nachdenken angeregt hat, sind die Narrative rund um die Frau. Die Autor:innen zeichnen einen spannenden Weg von der Bibel bis zu Pretty Women und legen verschiedene Erzählmuster über Frauen offen, die heute noch in gefühlt jeder Netflix-Romanze reproduziert werden. Hier nur einige ihrer Beispiele: Die weibliche Sünde (abgeleitet von Eva, die im Paradies von der verbotenen Frucht nascht und zum Nährboden der Misogynie wird), die verführende Frau, die vom Mann veredelte Frau oder auch die gefährliche Frau, die ihre Sexualität als Waffe einsetzt, um Männer zu manipulieren. Auch krass: Wusstest du, dass es eine Gruppe von Männern gibt, die sich als Incels bezeichnen, was für involuntary celibate steht – also Männer, die glauben, dass sie  unfreiwillig enthaltsam leben müssen, weil sie von Frauen immer zurückgewiesen werden? Diese Männer glauben an die geschlechtliche Überlegenheit des Mannes und reproduzieren Mysogynie – einfach gruselig…

„Dieses Narrativ – wähle deine Liebe genau aus und bleibe dabei! – wurde zur vorherrschenden Schablone unserer amourösen wie sexuellen Vorstellungen und gleichzeitig unserer populärsten Geschichten.“ S. 354

Aber auch die Monogamie wurde von den beiden Autor:innen als MfE bezeichnet, als Märchen, dass in der Monogamie die einzig wahre Form der Liebe sieht. Und ich muss ehrlich sagen, dieses Narrativ hat sich auch in meiner Denkweise verfangen. Warum? Weil ich bisher nur Geschichten (Filme, Serien, Bücher aber auch Familie) konsumiert habe, die die Monogamie als das einzig wahre Liebesglück definieren. Und warum ist das so? Weil es von Epoche zu Epoche, von Jahrhundert zu Jahrhundert so weitergegeben wurde.

Neben diesen MfEs hat das Buch noch viele weitere zu bieten: Welche Tiefengeschichte haben die USA und Deutschland? Warum kam Donald Trump an die Macht? Warum sind Verschwörungserzählungen so hoch im Kurs? Warum sind Klimaerzählungen in Film und Fernsehen zum Scheitern verurteilt? Und natürlich die Frage aller Fragen: Sind wir überhaupt noch zu retten? Und falls ja, wie? Lest einfach selbst rein, lasst euch überraschen, blickt hinter Vorhänge und findet heraus, mit welchen Märchen ihr bereits konfrontiert wurdet. El Ouassil und Karig haben mit Erzählende Affen ein ultimativ spannendes Sachbuch geschrieben, dass mich gefesselt und an vielen Stellen sprachlos zurückgelassen hat. Witz, Sarkasmus aber auch Ernst wechseln sich ab und bescheren die ein oder anderen „Aha“ und „Oha“ Momente.  Mit ausführlich recherchierten Beiträgen und anschaulichen Beispielen trägt das Buch dazu bei zu verstehen, warum Geschichten eine so große Macht über uns haben und wie sie im Alltag in den Medien funktionieren. Aber nicht nur das: Das Buch regt zum Nachdenken an. Zum Nachdenken darüber, welche Geschichten und Erzählungen wir selbst für wahr hielten, was wir über uns selbst erzählen und wie wir in Zukunft vielleicht besser erzählen können und sollten …

Judith Heruc
youngcaritas Deutschland

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